Kantone Basel-Stadt und -Landschaft

Die aktuelle Bestandesaufnahme hat Erstaunliches, aber auch Bedenkliches zu Tage gefördert: Mit Ausnahme von Roche sind fast alle nicht öffentlich kontrollierten Grossbetriebe von Financiers zerlegt worden. Es bleiben vor allem in Baselland mit seinem überdurchschnittlichen Anteil an industriellen Arbeitsplätzen viele Klein- und Mittelunternehmen. Einige Besonderheiten des industriekulturellen Erbes in der Region Basel werden hier kurz branchenweise gestreift:

- Geologisch besteht das Untersuchungsgebiet südlich des Rheintalgrabens aus dem Tafeljura. Dieser besteht aus Meeresablagerungen, die während gegen 200 Millionen Jahren entstanden. Eine spärliche Überdeckung und die Flussdurchbrüche erleichtern den Abbau von Kalk, Mergel, Ton und weiteren Rohstoffen vor allem im Birstal, wo eine bedeutende Zement-, Ziegel-, Gips- und Keramikindustrie entstanden ist. Die noch heute vorhandenen Zeugen dieses Wirtschaftszweiges machen das Laufental zur spannenden Gegend für industriearchäologische Entdeckungen - sie sind in der Ausstellung und im Buch im Kapitel 5 vorgestellt. Ein weiteres Thema der Rohstoffgewinnung sind die Salzvorkommen unter dem Rheintalgraben. Auf ihrer Grundlage hat sich das Industrierevier Pratteln - Muttenz entwickelt, den kulturellen Mittelpunkt bildet das Salzmuseum.

- Die rasche Industrialisierung der Region Basel nach dem Zweiten Weltkrieg und die Zersiedelung haben zu einem starken Rückgang der Landwirtschaft geführt. Vom agrarisch genutzten Land dienen weiterhin zwei Drittel der Viehwirtschaft. Der einst prägende Obstbau, von dem noch 1980 70% auf Kirschen entfielen, ist stark rückläufig. Diese Entwicklung widerspiegelt sich in der Mühlen- und Nahrungsmittelindustrie, die im Vergleich zu anderen produktiven Zweigen und anderen Regionen schon immer marginal war. So konnte bei der aktuellen Bestandesaufnahme nur noch eine einzige kommerziell arbeitende Mühle ausfindig gemacht werden. Bedeutend geblieben ist die Lagerung von Nahrungsmitteln in den Hafengebieten.

- Mit den frühen Textilmanufakturen erlebte auch Basel den Take-off der Industrialisierung: Glaubensflüchtlinge brachten nach der Aufhebung des Religionsfriedens in Frankreich 1685 das Wissen des farbigen Stoffdrucks nach Basel, im 18. Jahrhundert entstanden in Basel beachtliche Manufakturanlagen. Wohl der letzte Zeuge ist das Tröcknegebäude hier im Klostermühlenbereich Klingental. Vertreter des Basler Zunftregimes waren damals auch aktiv im Sklavenhandel tätig und beherrschten ganze Abläufe vom Plantagenarbeiterexport über den Baumwollimport bis zur Verarbeitung. Noch bis Anfang des 20. Jahrhunderts war die Seidenband-Heimindustrie vor allem in der Landschaft bedeutend. Baudenkmäler dieses Wirtschaftszweiges sind am dichtesten in Basel St. Alban und in Reigoldswil zu finden. Schliesslich wuchs die Verarbeitung von Seidenkokon-Abfällen als Florett- oder Schappe-Industrie zum letzten bedeutenden Basler Textilindustriezweig. Eine gewisse Bedeutung hatte auch die Bekleidungsindustrie, vor allem im Bezirk Liestal. Die wirklich grossen Textilfabrikanlagen aber entstanden - teilweise mit Basler Kapital - im Wiesental und um Mulhouse.

- Für Basels Industriegeschichte ist die Papierproduktion das wichtigste Thema neben der Herstellung chemischer Erzeugnisse. Eine erste Blütezeit kannte die Papiermanufaktur am Ende des Basler Konzils nach 1425. Die Tradition setzte sich im Industriezeitalter mit dem Bau von kleineren Fabriken im alten Papiermacherquartier St. Alban fort und schliesslich mit den Grossgründungen im Laufental. Diese Industriebetriebe gewährleisteten mit ihren Holzschliffwerken auch eine sinnvolle Holznutzung - die Stilllegung aller Zellulosefabriken in der Schweiz hat die Unternutzung der Waldbestände und die weiträumigen Holz- und Papiertransporte gefördert. Von der in Basel ebenfalls einst bedeutende Druckerei-Industrie ist nach Ausverkäufen und der Schliessung der modernsten Druckerei wenig übrig geblieben.

- Die Entwicklung von Basel zum Zentrum der chemischen Industrie in der Schweiz war eine langsame und späte, aber eine steile. Auf dem Höhepunkt 1976 gab es in den beiden Basler Halbkantonen 32'000 Chemie-Arbeitsplätze und weitere 10'000 in der Nachbarregion. Noch 1990 generierte dieser Industriezweig in Basel-Stadt jeden dritten produktiv erwirtschafteten Franken. Bedeutende Chemiefabriken finden auch im Industrierevier Pratteln - Schweizerhalle. Ihre Wurzeln finden sich in der Verarbeitung von natürlichen Rohstoffen für die Farbherstellung, für Medikamente, für Dünger und Kochsalz. Spezialzweige entstanden aus der tonverarbeitenden Industrie und vorübergehend aus der Kautschukverarbeitung mit den Pneufabriken Maloya und Firestone, ferner aus der Cheddit-Verarbeitung in der Sprengstofffabrik Liestal. Eine Besonderheit bildet die Agrochemiefirma Lonza - nach der Fusion mit Alusuisse zerschlugen Christoph Blocher und Martin Ebner den Konzern unter Abschöpfung hoher Gewinne. Unter neuen Eigentümern bleiben in der Schweiz von Lonza: in Basel die Verwaltung und im Wallis die Spezialitätenchemiefabrik.

- Abgesehen vom Waldenburgertal und von Abschnitten des Laufentals bilden die Basler Halbkantone keine ausgeprägte metallverarbeitende Region. Die grösseren Ausnahmen in den übrigen Kantonsteilen entstanden die heute weitgehend stillgelegten metallverarbeitenden Grossbetriebe Burckhardt in Basel-Stadt, Buss in Pratteln, Alioth in Münchenstein, die Buntmetallwerke in Dornach und drei Aluminiumfabriken - eine davon bleibt aktiv. Das obere Waldenburgertal bildet eine wirtschaftspolitische Ausnahme. Die metallverarbeitende Industrie wurde hier zwecks Schaffens von Arbeitsplätzen angesiedelt - und sie existiert bis heute in einer verblüffenden Vielfalt.

- Die Schweiz und ganz besonders Basel nehmen mit dem hohen Niveau der öffentlichen Ver- und Entsorgung international eine Spitzenstellung ein. Diese umfasst einen guten "Public Service", die Eigendeckung bei der Elektrizitäts- und Trinkwasserversorgung, die Abwasserreinigung, die Kehrichtverbrennung und die damit verbundene Fernwärmeversorgung. Aus der 1968er-Bewegung herausgewachsen ist ein besonderes Verständnis für den Umweltschutz. Insbesondere stand die Region nicht nur an der Spitze von Anti-Atomkraftwerk-Bewegung, sondern seither auch bei der Förderung von erneuerbarer Energie. Zudem hat die Region schweizweit den höchsten Anteil an Benutzern des öffentlichen Verkehrs und - in Basel-Stadt - der geringsten Dichte an Privatautos.

- Verkehrsmässig entwickelte sich die Stadt am Rheinknie in der Kreuzungslage zwischen der burgundischen Pforte nach Frankreich, den Juraübergängen Richtung Alpenpässe und den deutschen Gebieten der oberrheinschen Tiefebene und des Schwarzwaldes. Im 14. Jahrhundert verbesserte Grossbasel seine Stellung mit dem Bau der mittleren Brücke und dem Erwerb des rechtsrheinischen Gebietes von Kleinbasel. Die Grenzstadt wurde Herrin über Brücken und Strassen, über die Flussschifffahrt und über Bahnen - letzteres allerdings nur teilweise. Denn im Dreiländereck bauten drei Länder Bahnen, und innerhalb dieser Länder entstanden wiederum verschiedene Bahngesellschaften. Um Basel entstanden so die umfangreichsten Schienverkehrsanlagen aller Regionen der Schweiz. - Auch nach der Stilllegung grosser Gleisfelder - bedingt durch die Grenzlage und die Umschlagsplätze der Rheinhäfen. Huningue und St-Louis wechselten zur Eisenbahnzeit nicht weniger als vier Mal die Staatszugehörigkeit. Entsprechend komplex entwickelten sich die Zufahrts- und Umgehungsstrecken.

- Das grossartigste Industriekultur-Thema der Region Basel ist die Rheinschifffahrt. Schiffbare Gewässer sind die billigsten Transportwege. Schiffe können von allen Transportmitteln mit geringstem Aufwand die grösste Passagier- und Gütermengen transportieren. Zudem beschränken sich die Anlagekosten in der Seeschifffahrt auf Hafen- und Werftbauten. Am Anfang des dritten Jahrtausends legen weltweit 90% der Güter ihre Tonnenkilometer auf dem Wasserweg zurück. Strassen, Pipelines, Eisenbahnen und Luftstrassen bewältigen distanzmässig lediglich rund 10% der weltweiten Gütermenge. Zur verkehrsreichste Wasserstrasse Europas entwickelte sich der 1320 Kilometer lange Rhein. Allerdings weist er ab Rheinfelden Hindernisse auf, die zwar für die Krafterzeugung genutzt werden, für die Schifffahrt aber nie fahrbar gemacht wurden. Man bedenke, dass Basel den ersten Hafen erst ab 1904 anlegte. Der flächenmässige Ausbau sollte ein halbes Jahrhundert dauern. Noch 1965 veröffentlichte der Direktor der zweiten Juragewässerkorrektion, Professor Müller, Pläne für eine durchgehende Schifffahrt bis zum Bodensee. Dabei wären die Aufstauungen der Kraftwerke nutzbar gemacht worden und am Rheinfall hätte eine riesige Schleuse entstehen sollen. Basel hat seinen wirtschaftlichen Aufschwung im 20. Jahrhundert wesentlich der Schifffahrt zu verdanken. Der Ausbau der Basler Rheinhäfen und der Bahn- und Strassenanlagen bewirkte im 20. Jahrhundert die Entstehung eines Logistikreviers zwischen Pratteln und Basel, das sich in den Nachbarländern bis Grenzach, Weil und Huningue fortsetzt. Nach der chemischen Industrie bieten die Transportunternehmen in dieser Region am zweitmeisten Arbeitsplätze. Die eindrückliche Industrielandschaft erkundet man in den Sommermonaten am besten mit dem Schiff - und in Kleinhüningen zu Fuss.